DIÄT? NEIN DANKE! – LEICHTER LEBEN

Die Freiheit der zweiten Lebenshälfte

Weniger müssen, weniger vergleichen, weniger auf später verschieben – und dafür immer mehr das eigene Leben leben.

Die Freiheit der zweiten Lebenshälfte – die schönsten Jahre müssen nicht hinter dir liegen

Wenn wir über das Älterwerden sprechen, geht es erstaunlich oft darum, was nicht mehr so ist wie früher. Der Körper verändert sich, die Jahre werden sichtbar und manches fällt vielleicht nicht mehr ganz so leicht. Gleichzeitig sprechen wir viel seltener darüber, was wir mit den Jahren gewinnen können. Denn die zweite Lebenshälfte kann etwas mit sich bringen, das wir früher vielleicht viel zu selten hatten: Freiheit.

Nicht die Freiheit, noch einmal zwanzig zu sein. Und auch nicht die Freiheit von allen Sorgen, Verpflichtungen oder gesundheitlichen Problemen. Gemeint ist eine andere Freiheit. Die Freiheit, sich selbst besser zu kennen. Nicht mehr bei jeder Entscheidung zu überlegen, was andere darüber denken könnten. Nicht mehr jedem gefallen zu müssen. Und vielleicht endlich damit aufzuhören, das eigene Leben ständig auf später zu verschieben.

Für viele Frauen kann dazu noch etwas anderes gehören: die Freiheit, nicht mehr jeden Tag gegen den eigenen Körper kämpfen zu müssen.

Vielleicht müssen wir mit den Jahren nicht immer mehr aus uns machen. Vielleicht dürfen wir endlich mehr wir selbst sein.

Wie viele Jahre haben wir eigentlich mit „Ich müsste“ verbracht?

Ich müsste ein bisschen schlanker sein. Ich müsste weniger essen. Ich müsste mehr Sport machen. Ich müsste disziplinierter sein. Ich müsste endlich diese fünf oder zehn Kilo loswerden.

Vielleicht begleiten dich einige dieser Sätze schon seit Jahrzehnten. Viele Frauen haben irgendwann sehr früh gelernt, ihren Körper mit einem kritischen Blick zu betrachten. Kaum war eine Diät beendet, begann die nächste. War das Gewicht niedriger, sollte es möglichst so bleiben. Ging es wieder nach oben, kam schnell das Gefühl, versagt zu haben.

So können unglaublich viele Jahre vergehen. Jahre, in denen Essen nicht einfach Essen sein durfte und der eigene Körper nie ganz richtig erschien.

Und irgendwann stellt sich vielleicht eine ganz andere Frage: Möchte ich wirklich auch die kommenden zehn oder zwanzig Jahre noch damit verbringen?

Dein Körper muss kein lebenslanges Optimierungsprojekt sein

Natürlich dürfen wir etwas verändern wollen. Wer sich mit seinem Gewicht nicht wohlfühlt, darf abnehmen. Wer sich fitter fühlen möchte, darf sich mehr bewegen. Und wer seine Ernährung verändern möchte, darf auch das tun.

Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen liebevoller Veränderung und einem lebenslangen Kampf gegen sich selbst.

Vielleicht müssen wir unseren Körper nicht ständig bewerten. Vielleicht dürfen wir anfangen, ihn auch danach zu betrachten, was er jeden Tag für uns tut. Er trägt uns durch unser Leben. Er lässt uns Menschen umarmen, spazieren gehen, lachen, tanzen, arbeiten, reisen und all die kleinen Dinge erleben, aus denen unser Alltag besteht.

Er hat sich verändert. Natürlich hat er das. Wir sind schließlich auch nicht mehr dieselben Frauen wie vor dreißig Jahren.

Warum sollte unser Körper der einzige Teil von uns sein, der sich nicht verändern darf?

Dein Körper ist nicht dazu da, dein ganzes Leben lang eine Prüfung zu bestehen.

Die Freiheit, nicht mehr jedem Ideal hinterherzulaufen

Schönheitsideale verschwinden leider nicht automatisch, nur weil wir älter werden. Im Gegenteil. Manchmal entsteht sogar ein neuer Druck. Wir sollen älter werden, aber möglichst nicht danach aussehen. Wir sollen schlank, fit, attraktiv, aktiv und selbstverständlich gut gelaunt sein. Falten bitte nur mit Würde, graue Haare am besten mit Stil und ein paar Kilo mehr möglichst gar nicht.

Ganz schön anstrengend.

Vielleicht besteht Freiheit auch darin, irgendwann zu sagen: Ich mache da nicht mehr bei allem mit.

Das bedeutet nicht, sich gehen zu lassen. Dieser Ausdruck gefällt mir ohnehin nicht. Es bedeutet vielmehr, selbst zu entscheiden, was einem wichtig ist. Ich kann mich um meine Gesundheit kümmern, ohne einem Schönheitsideal hinterherzulaufen. Ich kann mich schön anziehen, ohne in eine bestimmte Kleidergröße passen zu müssen. Und ich kann mich bewegen, weil Bewegung meinem Körper guttut – nicht weil ich mir mein Abendessen verdienen muss.

Essen darf wieder etwas ganz Normales werden

Wer viele Diäten hinter sich hat, weiß, wie kompliziert Essen werden kann. Plötzlich gibt es gute und schlechte Lebensmittel, erlaubte und verbotene Mahlzeiten, richtige und falsche Uhrzeiten. Man zählt Kalorien, Punkte oder Kohlenhydrate und überlegt beim Frühstück manchmal schon, was man am Abend noch essen darf.

Dabei ist Essen eigentlich etwas sehr Alltägliches. Es versorgt uns, es schmeckt, es bringt Menschen zusammen und es gehört zu unserem Leben.

Die Freiheit der zweiten Lebenshälfte kann deshalb auch bedeuten, wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln. Hunger wahrzunehmen. Sättigung wieder ernst zu nehmen. Essen zu genießen und gleichzeitig darauf zu achten, was einem wirklich guttut.

Das ist nicht immer einfach, wenn jahrzehntelang Diätregeln im Kopf herumspuken. Aber vielleicht müssen wir nicht von heute auf morgen alle Regeln vergessen. Vielleicht reicht es, sie nach und nach zu hinterfragen.

Warte nicht auf die schlankere Version von dir

Einer der traurigsten Sätze im Zusammenhang mit Gewicht beginnt für mich mit den Worten: „Wenn ich erst abgenommen habe, dann …“

Dann kaufe ich mir schöne Kleidung. Dann gehe ich schwimmen. Dann lasse ich mich fotografieren. Dann fahre ich in den Urlaub. Dann gehe ich wieder tanzen. Dann lerne ich vielleicht jemanden kennen.

Das Problem daran ist nicht der Wunsch abzunehmen. Das Problem ist das Warten.

Denn während wir auf eine andere Zahl auf der Waage warten, vergeht unser heutiges Leben. Vielleicht erreichen wir irgendwann unser Wunschgewicht. Vielleicht auch nicht. Aber die Monate und Jahre, die wir bis dahin aufgeschoben haben, bekommen wir nicht zurück.

Abnehmen darf ein Wunsch sein. Dein Leben sollte deshalb aber nicht zur Wartezeit werden.

Vielleicht wissen wir heute besser, was uns wirklich guttut

Die Jahre bringen nicht automatisch Weisheit mit sich. Schön wäre es. Aber sie schenken uns Erfahrungen. Wir haben ausprobiert, sind gescheitert, wieder aufgestanden und haben wahrscheinlich mehr als einmal unsere Meinung geändert.

Heute wissen wir vielleicht besser, welche Menschen uns guttun. Wir wissen, welche Situationen uns Kraft kosten. Wir erkennen schneller, wenn etwas nicht zu uns passt. Und wir haben hoffentlich gelernt, dass wir nicht jede Meinung über uns ernst nehmen müssen.

Genau dieses Wissen können wir auch auf unseren Umgang mit Ernährung und Gewicht übertragen. Vielleicht wissen wir inzwischen längst, dass die nächste radikale Diät nicht die Lösung sein wird. Vielleicht haben wir oft genug erlebt, wie schnell verlorene Kilos zurückkommen. Und vielleicht dürfen wir deshalb heute einen anderen Weg wählen.

Einen Weg, der nicht auf Verboten und schlechtem Gewissen basiert, sondern auf einem freundlicheren Umgang mit uns selbst.

Die schönsten Jahre müssen nicht hinter dir liegen

Wir erzählen gern von früher. Von Reisen, Festen, Freundschaften, der Familie und all den Momenten, die uns geprägt haben. Und das ist gut so. Erinnerungen sind kostbar.

Aber manchmal klingt es fast so, als läge alles Schöne automatisch in der Vergangenheit.

Warum eigentlich?

Vielleicht werden die kommenden Jahre anders als die vergangenen. Vielleicht werden sie ruhiger. Vielleicht wird manches schwieriger. Aber vielleicht entdecken wir auch eine Form von Lebensfreude, für die früher zwischen Beruf, Familie und Verpflichtungen kaum Platz war.

Vielleicht reisen wir noch an einen Ort, den wir heute noch gar nicht kennen. Vielleicht entsteht eine neue Freundschaft. Vielleicht verlieben wir uns. Vielleicht entdecken wir ein Hobby. Vielleicht lernen wir, einen ganz normalen Dienstag zu genießen.

Niemand kann uns versprechen, dass die kommenden Jahre die schönsten werden. Aber wir sollten ihnen wenigstens die Chance dazu geben.

Claudia hört auf, auf später zu warten

Claudia hatte jahrelang einen Badeanzug im Schrank, den sie kaum trug. Nicht weil sie nicht gern schwamm. Ganz im Gegenteil. Früher liebte sie es. Aber irgendwann fühlte sie sich mit ihrem Körper nicht mehr wohl und sagte sich immer wieder: „Wenn ich ein bisschen abgenommen habe, gehe ich wieder.“

Aus ein bisschen wurden Jahre.

Eines Tages fragte eine Freundin sie, ob sie mit ins Schwimmbad kommen wolle. Claudias erster Gedanke war wieder derselbe: Eigentlich müsste ich vorher …

Und dann dachte sie: Nein. Eigentlich müsste ich gar nichts.

Sie ging mit.

Natürlich verschwand ihre Unsicherheit nicht plötzlich in der Umkleidekabine. Aber als sie im Wasser war, erinnerte sie sich daran, warum sie früher so gern geschwommen war.

Seitdem geht sie wieder regelmäßig. Nicht, um Kalorien zu verbrennen. Sondern weil sie sich im Wasser gut fühlt.

Vielleicht sieht Freiheit manchmal genau so unspektakulär aus.

Mein Gedanke für dich

In den vergangenen Wochen haben wir über vieles gesprochen, was zur zweiten Lebenshälfte gehört. Über Gesundheit und die Angst davor, dass sich etwas verändern könnte. Über Freundschaft und Gemeinschaft. Über Liebe, Nähe und neue Anfänge. Und über die Frage, was wir eigentlich noch vom Leben möchten.

Vielleicht gehört zu all diesen Themen ein gemeinsamer Gedanke: Wir dürfen unser Leben weiterhin gestalten.

Nicht alles liegt in unserer Hand. Unser Körper wird sich weiter verändern. Gesundheit lässt sich nicht garantieren und das Leben wird uns wahrscheinlich auch künftig gelegentlich Pläne durchkreuzen.

Aber wir können entscheiden, ob wir die kommenden Jahre hauptsächlich damit verbringen möchten, uns selbst zu kritisieren – oder ob wir versuchen, freundlicher mit uns umzugehen.

Wir können entscheiden, ob Essen weiterhin ein täglicher Kampf bleiben soll. Ob die Waage darüber bestimmen darf, ob heute ein guter Tag ist. Und ob wir unser Leben weiter auf eine schlankere Version von uns verschieben möchten.

Vielleicht ist genau das die Freiheit der zweiten Lebenshälfte: zu erkennen, dass wir niemandem mehr beweisen müssen, dass wir gut genug sind.

Du musst nicht erst eine andere Frau werden, um dein heutiges Leben genießen zu dürfen.